Pressezitate
Drift ... zum Tunnel am Ende des Lichts
bodytalk und Teatr Rozbark (Deutschland / Polen)
Uraufführung
8.05.2026 · 20:00
Sprengt die Ketten!
Bodytalk und das Teatr Rzobark zeigen
„Drift“ als Uraufführung
Es geht immer um Kohle, sie lässt einen die Ketten spüren. Die deutsch-polnische Koproduktion probt im schlesischen Kohlerevier die Explosion und bringt 145 tote Bergleute zum tanzen. Gruselig? Ekstatisch!
Torben Ibs
Bytom, 11/05/2026
Fast wäre diese Premiere ins Wasser gefallen. Kurz vor Start im Teatr Rzobark in der Halle eines ehemaligen Kohlenbergwerks im polnischen Bytom ist eine Traverse mit zwei Elektromotoren abgestürzt und eine Aufführung war mehr als fraglich. Vielleicht war dies ja das Werk eines der Geister, die hier herumspuken sollen. Bei einem Grubenunglück 1923 sind 141 Bergleute und vier Helfer umgekommen. Die Leichen der Geborgenen wurden an gleicher Stelle aufgebahrt, wo jetzt Bodytalk aus Münster zusammen mit dem Ensemble des Teatr Rzobark das Tanzspektakel „Drift“ ins Leben rufen wollen. Kohlebergbau trifft hier auf Kunst, Heilige auf Tanzende, schwarzes Elend auf bunte Fantasie.
Schlussendlich verzögert sich der Start nur um eine halbe Stunde, und mit ein paar improvisierten Anpassungen kann der Abend starten. Kopflampen irren über die dunkle Bühne, auf Rollbrettern eilen drei Performer wie in Loren umher, hier seilt sich eine Performerin ab, an anderer Stelle krabbelt jemand an einer Leiter hängend. Gleich von Anfang an saust und klappert es an allen Ecken und Enden, und die bekannte Bodytalk-Dynamik beginnt sich zu entfalten.
Ein Performer erzählt im Handstand von seiner Bergbaufamilie, von dem Unglück hier vor über 100 Jahren, doch bald schon wechselt das Thema. Die Ketten, die eben noch Waschgauben illustrierten werden zum Maibaumtanz. In der Mitte eine angekettete Aleksandra Kępińska (Kostüme: Iga Filimowska), während die Ketten gefährlich auf den Boden schlagen und aufbäumenden Krach machen: „Tänzer, bewegt auch, damit ihr die Ketten spürt.“ Eine Kette wird zur Ballettstange, und einer Tänzerin wird das Bein mittels Seilzug nach oben gezogen: Pas de Mine. Hula Hoop Reifen kommen in wahren Massen zum Einsatz, und eine riesige schwarze Folienblase verschlingt wie ein Stück Kohle alles, was sich ihr in den Weg stellt. Es geht doch immer nur um Kohle.
Schwarze Kohle, schwarze Farbe und eine merkwürdige Heilige
Dass Bodytalk, bestehend aus der bei Kresnik geschulten Choreografin Yoshiko Waki und dem Musiker und Produzenten Rolf Baumgart, ausgerechnet bei Teatr Rozbark unter der künstlerischen Leitung von Anna Piotrowska, die in dem Stück auch mittanzt, gelandet sind, ist das Ergebnis einer langjährigen Kooperation. Bereits in den letzten Stücken hatten einige Tänzer aus Bytom bei den Münsteranern mitgemacht, jetzt, zum wahrscheinlichen Abschluss dieser Amtszeit von Piotrowska klappt es endlich mit der gemeinsamen Produktion in Polen.
Piotrowska hat ihren großen Auftritt bei dem Stück als Santa Barbara, als Urmutter, als Pachamama, als Dämonin, Menschenfresserin, die von ihren hundegleichen Untertanen angebetet und gefürchtet, aber gleichzeitig auch mit Hämmern traktiert wird. Wer gibt, wer nimmt? Alle! Hier beginnt der große Auftritt von René Haustein, eigentlich bildender Künstler, aber seit Jahren performativer Wegbegleiter und hier auch Bühnenbildner. Er bemalt seinen nackten Körper zusammen mit einer Art Double mit schwarzer Farbe, um der Gier nach Kunst nachzukommen, doch bald schon liefert er sich mit Ewa Noras und Daniel Zych eine Art Liebeskampf, bei dem Noras halbnackt und mit schwarzer Farbe beschmiert über die Bühne wankt. Geisterstunde der Kohlen-Zombies, sogar ein Drache als riesige Puppe, ähnlich wie beim Bread and Puppet Theater, hat noch einen bedrohlichen Auftritt und Haustein sinkt und singt: „Am Ende des Lichts ist ein Tunnel.“
Atmosphäre statt Bedeutungszwang
Neu an diesem Abend ist der massive Einsatz elektronischer, stampfender Musik, die Szymon Tomczyk live im Hintergrund produziert und die von Baumgart ausgesuchten musikalischen Arrangements mehr als nur ergänzt. Auch neu sind die großen Video- und Mappingszenen, die Sven Stratmann gestaltet hat. Tänzer*innen stehen in einem Meer aus Händen, wabernde Bilder über sich bewegende Körper, und die Folienkohle gewinnt durch divergierende Muster eine weitere Plastizität.
Am Ende versinkt die ganz Bühne in einem wütenden Schmodder aus schwarzen Bändern. Sie fliegen wild umher, die Tanzenden suhlen sich darin, bewerfen sich damit, alles eskaliert erwartungsgemäß, nur um in einem bunt-seligen Abschluss zu enden. Dass die Energie hier über technische Präzision und mitunter Fertigkeiten geht, ist offensichtlich. Bodytalk liebt das Spektakel, liebt es Schicht auf Schicht zu legen, die Bedeutungen sind vage, erschließen sich eher über die Atmosphäre als über Inhalt oder Intellekt. Doch gleichzeitig vermag es immer wieder zu fesseln als Alternative zu den aseptischen und verkopften Versuchen, die (allzu) oft die Bühnen der freien Szene bevölkern. Erst im Tanzen spürt man die Ketten. Lasst sie uns sprengen!
"Am auffälligsten an der Arbeit des Kollektivs bodytalk ist die konsequente Vermeidung von Ästhetisierung […] Das Publikum spürt die Präsenz von etwas Unfassbarem. Die Bilder wirken wie Spuren uralter Geschichte, eingraviert in die Mauern von Rozbark. Eine überaus treffende künstlerische Lösung."
Teatr dla Wszystkich, 11.5.26 ("Theater für alle")
Durch die Erinnerung treiben
Über die Aufführung „DRIFT … to the tunnel at the end of light“ unter der Regie von Yoshiko Waki am Teatr Rozbark schreibt Adam Kamiński.
Autor: Adam Kamiński, 11/05/2026
Die Choreografin, Performerin und Mitbegründerin des Kollektivs bodytalk, Yoshiko Waki, versteht Choreografie als ein Instrument zur Diagnose gesellschaftlicher Wirklichkeit. Dabei handelt es sich längst nicht mehr um „zeitgenössischen Tanz“ im klassischen Sinn, zugleich aber auch nicht vollständig um dokumentarisches Theater, politischen Performance-Aktivismus oder soziale Kunst.
Aus dem Umfeld von Johann Kresnik — dem großen Visionär und Schöpfer des politischen Tanztheaters — hervorgegangen, übernahm Waki von ihm die Überzeugung, dass der Körper auf der Bühne niemals neutral ist. In ihren Arbeiten fungiert der Körper als Träger gesellschaftlicher Gewalt, historischer Erinnerung und politischer Spannungen. Bewegung dient hier weder der Harmonie noch formaler Perfektion. Sie wird zu einer spezifischen Geste des Widerstands, manchmal sogar zum Zerfall von Choreografie im traditionellen Verständnis.
Besonders eindrücklich an den Arbeiten des Kollektivs bodytalk ist die konsequente Verweigerung von Ästhetisierung. Die Inszenierungen wirken bewusst chaotisch, aggressiv und mitunter überladen von Zeichen und Botschaften. Doch gerade darin liegt eine bewusste Strategie: Das Publikum soll aus der Position des sicheren Beobachters herausgerissen werden.
Die Künstlerin arbeitet mit lokalen gesellschaftlichen Kontexten. Projekte in Polen, Deutschland oder Israel sind kein Export einer fertigen Ästhetik, sondern der Versuch, in konkrete soziale Realitäten einzutreten.
Dabei verliert die Bewegung nicht ihre Autonomie und wird nicht bloß zur Illustration politischer Thesen. Vielmehr wird sie zu einer Form der Wissensproduktion über die Welt. Waki setzt die Tradition des europäischen politischen Theaters fort und verschiebt sie zugleich in Richtung partizipativer Praktiken und lokalen Aktivismus. Besonders deutlich wurde dies in den Kooperationen mit dem Polski Teatr Tańca und dem Teatr Rozbark, wo die Körper der Performer:innen zu Medien einer Auseinandersetzung mit Identität, Nationalismus und den gesellschaftlichen Spaltungen Mittel- und Osteuropas wurden.
Das Werk von Yoshiko Waki zeigt letztlich etwas Grundlegendes: dass Tanz ein Instrument kritischen Denkens über die Welt sein kann. Vielleicht provozieren ihre Arbeiten gerade deshalb häufiger, als dass sie bloß begeistern — gleichgültig lassen sie jedoch kaum jemanden.
Es gibt Orte, die weiterarbeiten, selbst wenn sie längst verlassen wurden. Die Mine gehört zu ihnen. In ihren Wänden bleibt ein Rhythmus eingeschrieben. Selbst wenn die Maschinen verstummen, setzt der Raum seine unsichtbare Erinnerungsarbeit fort. Das Teatr Rozbark ist ein solcher Ort. Die ehemalige Zeche wurde hier nicht einfach in eine Kulturinstitution verwandelt. Sie fördert weiterhin etwas zutage — nur keinen Kohlenstoff mehr. Heute fördert sie Bewegung, Echo und Präsenz.
Die Aufführung „DRIFT … to the tunnel at the end of light“ des Kollektivs bodytalk und des Teatr Rozbark erzählt keine Geschichte des Bergbaus. Vielmehr führt sie hinab in die Idee des Förderns selbst. Die Inszenierung fragt nicht danach, was verloren ging, sondern danach, was nach dem Verlust bleibt. Was geschieht mit einem Ort, wenn sein ursprünglicher Sinn verschwindet? Was geschieht mit dem Körper, wenn die Arbeit verschwindet, die einst seinen Rhythmus bestimmte?
Der Bergbau bedeutete ein gemeinsames Hinabsteigen unter die Erde — ein gemeinsames Risiko und eine gemeinsame Last. Die heutige Welt hingegen produziert driftende Körper: vereinzelt, zerstreut, ihres Zentrums beraubt.
Im Stück tanzt der Körper nicht mehr im klassischen Sinn. Er irrt umher. Er sucht einen Schwerpunkt in einem Raum, der seine Funktion verloren hat. Die Performer:innen wirken wie Geister einer vergangenen Produktionswelt. Ihre Bewegungen erscheinen mal mechanisch, mal verlangsamt, mal im Zustand des Zerfalls. Sie beeindrucken nicht nur durch technische Präzision, sondern vor allem durch ihre szenische Radikalität und Intensität der Präsenz. Mit bemerkenswerter Selbstverständlichkeit wechseln sie von perfekten Hula-Hoop-Sequenzen und akrobatischer Präzision zu roher emotionaler Bewegungsexpression.
Ebenso bedeutend ist, dass die Künstler:innen keine nostalgische Erzählung über Schlesien entwerfen. Nostalgie wäre zu einfach. „DRIFT“ versucht nicht, die Vergangenheit zu retten, sondern in die Dunkelheit einzutreten, die nach ihrem Verschwinden bleibt.
Deshalb entfalten die geisterhaften Figuren — Skelette, Ratten, Geister und Tunnel — eine so starke Wirkung. Die Mine war stets ein Grenzraum: zwischen Leben und Tod, Licht und Dunkelheit, Oberfläche und Innerem der Erde. Der Bergmann, der unter Tage ging, glich jemandem, der die Grenze zwischen den Welten überschreitet.
Die Moderne versprach Licht: Fortschritt, Entwicklung, Wachstum und Technologie. Doch die Aufführung deutet an, dass sich hinter diesem Versprechen lediglich ein weiterer Tunnel verbirgt — eine weitere Dunkelheit. Transformation führt nicht zur Befreiung, sondern in die nächste Phase des Driftens.
Der ironische Satz über die „Bytom Coins“ wirkt dabei besonders eindringlich. Der digitale Kapitalismus ersetzt die materielle Förderung durch eine abstrakte Extraktion: von Daten, Informationen, Aufmerksamkeit und Bildern. Ehemalige Zechen werden zu Kulturzentren, körperliche Arbeit verwandelt sich in die Produktion symbolischen Kapitals. Doch die Logik der Ausbeutung bleibt dieselbe. Lediglich der Rohstoff verändert sich.
In dieser Welt wird Choreografie zur Suche nach Rhythmen, die noch nicht vollständig verschwunden sind.
Vielleicht ist genau deshalb das von Anna Piotrowska formulierte Konzept des „industriellen Körpers“ so bedeutsam. Der industrielle Körper ist ein Körper, der sich an Schwere erinnert — geformt durch Arbeit, Wiederholung, Erschöpfung und den kollektiven Rhythmus der Produktion. Selbst wenn die Produktion verschwindet, trägt der Körper ihre Spuren weiter in sich.
Das Theater in Rozbark versucht nicht, diese Spuren auszulöschen. Im Gegenteil: Es hält den Raum „in Bewegung“. Darin liegt eine ebenso schöne wie radikale Idee. Bewegung wird hier zur Form des Widerstands gegen das Verschwinden. Solange sich der Körper bewegt, stirbt der Ort nicht vollständig.
Die Projektionen von Sven Stratmann erschaffen eine zeitgenössische Mythologie des postindustriellen Raums. Seine Bilder versuchen nicht, die Bühne zu dominieren, sondern sie subtil heimzusuchen. Die auftauchenden Geister, Dämonen, vibrierenden Schatten und flimmernden visuellen Strukturen erwecken den Eindruck, als beginne das Theater selbst, sich an seine Vergangenheit zu erinnern. Das Publikum erlebt die Präsenz von etwas Unfassbarem — wie Spuren früherer Geschichten, eingeschrieben in die Mauern von Rozbark. Eine künstlerisch außerordentlich präzise Lösung.
Das Finale mit dem Song New Dawn Fades von Joy Division und dem Erscheinen der Tänzer:innen in farbigen Kostümen durchbricht schließlich die Melancholie. Die Aufführung spendet keinen einfachen Trost, hinterlässt das Publikum jedoch mit dem Gefühl, dass man trotz aller Dunkelheit weitergehen kann. Das Driften dauert an — und vielleicht verbirgt sich gerade darin Hoffnung.