Presseauswahl

 

Wer sich seines eigenen kleinen Seelenfrieden annehmen will, der geht eher nicht ins Tanztheater, jedenfalls nicht in das von Bodytalk [...] Die Tanztheaterstücke, die Yoshiko Waki und Rolf Baumgart seit 2008 unter ihrem Label Bodytalk erschaffen, sind immer schon Unfriedensanleitungen gewesen. Tatsächlich bezieht sich der Titel mit dem altmodischen „Jedermann“ auf das erste Werk, das Hans Kresnik als neuer Ballettchef am Theater Bremen auf die Bühne gebracht hatte, die „Kriegsanleitung für jedermann“ im Jahr 1970. Kresniks Tanzspartenleitungskarriere endete im beschaulichen Bonn, von wo aus dann seine ehemalige Tänzerin Yoshiko Waki die Idee weitertrug, Tanztheater über und mit unhübschen, unphilosophischen Themen zu machen [...] mit Verve zur entsprechenden Rockmusik gesprungenen, geworfenen, hingeschleuderten Tanzszenen [...] Irgendwie auch unnütz, wie romantische Energieverschwendung.

Wie Tanzenwollen, hoch hinaus und problemlos hinunter. Das ist ein Kampf für was? Gegen was? Die Bodytalks halten diese Lücke offen, spielen untergründig ihre Skepsis aus, mit Kunst etwas darstellen, sagen, gar ändern zu können am Unheil in der Welt, und inszenieren das Trotzdem. Wenden sich nicht ab.

 

Tanzweb

 

 

 

Endlich befreit sich tanz-nrw, die Biennale der NRW-Tanzproduzenten, aus dem Korsett der Werbung für Tanz im Off und diskutiert in Münster ein brisantes Thema deutscher Tanzgeschichte als Kritik an menschlichem Verhalten. Die überragende Aktualität dieses Tanzabends (just in diesen Tagen der Entdeckung rechtsextremer Machenschaften und womöglicher terroristischer Tendenzen in der Bundeswehr) stößt jedem blauäugig friedliebenden Menschen bitter auf. Wakis “Friedensanleitung für Jedermann” operiert mit ähnlich aggressiven Mitteln und Bildern wie Kresniks “Kriegsanleitung” [...] die Japanerin, die sich u.a. bei Kresnik und in Münster bei Birgitta Trommler als dynamische Tänzerin profilierte und jetzt mit ihrem “bodytalk” Artist in Residence am Pumpenhaus ist, überzeugt durch die Auswahl der Bilder, die ihr Anliegen verdeutlichen.

 

Tanznetz

 

 

 

Der Weg zu den Plätzen führt über die Bühne. Dort stehen die Tänzer mit dürren Ästen in den Händen und fragen die Zuschauer, was sie sich unter Frieden vorstellen. Das eigentliche Stück beginnt dann mit einer Gruppenchoreografie, die Partisanenkämpfe symbolisiert und ästhetisch irgendwo zwischen Massaker und Happening angesiedelt ist. Diese Ambivalenz ist exemplarisch für den weiteren Verlauf [...] Die Kompanie provoziert gern, indem sie Denkmuster und Konventionen unterläuft [...] wenn einer der Tänzer die Adressen von Zuschauern erfragt, weil er sie angeblich für sein Visum braucht. In der nächsten Szene stellt er dann sein Flüchtlingsprojekt vor – ein grotesk überdrehtes Kindertheater, bei dem Visa-Adressen meistbietend verkauft werden ...

 

Münstersche Zeitung

 

 

 

Liebe (zwischen zwei Schwulen) beginnt zärtlich oder (bei Pärchen) fröhlich im schmissigen Boogie-Rhythmus. Bedrängte Opfer werden aus den Fängen gewaltbereiter Täter befreit - und erleiden „zum Dank“ brutale Vergewaltigung und Folter. Deutlichster Bezugspunkt zwischen Kresniks und Wakis Stück ist ein Beil, mit dem ein Masochist sich eigene Hautpartien wie Wurstscheiben vom Arm schält und da- mit seine Opfer füttert. Immer greller, schriller, lauter geht‘s auf der Spielfläche zu. Gegen die gehämmerte Schlagzeug“kloppe“ brüllen die drei Tänzerinnen und drei Tänzer unterschiedlichster Altersstufen und Nationen vergeblich mit ihrem Plädoyer für Ein bisschen Frieden! an. Fehlt nur noch, dass sie mit Beilen einer Schar Friedenstauben die Köpfe abhackten, wie Kresnik geradezu genüsslich vor seinem Besuch dieser Friedensanleitung mutmaßte.

 

theater:pur

 

 

 

[...] eine wüste Tanzorgie, bei der die Männer brüllend über die Frauen herfallen. Eine Friedensanleitung, denkt man unwillkürlich, ist das nicht. [...] Tanztheater wird meist von jungen Akteuren bestritten. Schön, dass es hier auch zwei grauhaarige Herren auf der Bühne gibt. Einer von ihnen mimt einen ehemaligen Soldaten und leitet damit den Innereien-Part ein. Zu einer Hardcore-Version von „99 Luftballons“ zerhackt er ein blutiges Rinderherz, dass die Fetzen nur so fliegen. Bei „Ein bisschen Frieden“ sind dann die Därme dran. „Live and let live“ steht auf dem Griff der Axt. Und vielleicht ist das der Grund, warum die dann auftretenden Botschafter des Friedens („Peacoholics“) gar so ratlos aus der Wäsche gucken. Eine gelungene Vorstellung – rau, anarchisch und auf anregende Weise verstörend.

 

Westfälische Nachrichten